Philosophie

Wing Tsun  ist eine traditionelle Kampfkunst und dennoch erstaunlich zeitgemäß. Im Üben bieten die Grundprinzipien Orientierung und Sicherheit. Der Interessierte entwickelt seine Fähigkeiten nicht nur, um einen Angreifer mit so wenig Schaden als möglich zu besiegen, sondern um das eigene Potential voll entfalten zu können und seine Ziele leicht und gewiss zu erreichen. Wing Tsun ist also weniger ein Weg des Kampfes als  ein Weg, den Kampf zu beenden indem man dem Angreifer nicht die Gelegenheit bietet wirklich auf seine Weise kämpfen zu können.

 

Solange mich nichts aufhält, verfolgen ich meine Ziele so direkt wie möglich. Wenn mir etwas in den Weg kommt, treten ich an das Problem heran und erkunden es genau, ohne mein Ziel völlig zu vergessen oder selbst zum Widerstand zu werden. Ich integriere die gewonnenen Informationen, indem ich den wahrgenommenen Widerstand als Basis für meinen nächsten Schritt nutze. Ist der Widerstand aktiv oder zu groß, dann könnte ich etwas nachgeben und finden einen anderen Blickwinkel oder Weg finden. Löst sich das Problem nur scheinbar auf, bleibe ich wachsam, verfolge meinen Weg unmittelbar weiter, der Widerstand hat so wenig Gelegenheit sich neu zu formieren.

 

Hört sich nach hohen Ansprüche an, doch Wing Tsun könnte nur oberflächlich betrachtet eine Methode der Selbstverteidigung sein, - in erster Linie ist es ein unkoventionelles Mittel zur Selbst-Entdeckung, Selbst-Erfahrung und zu persönlichem Wachstum. Wir handeln dem Bild nach, das wir uns von uns machen: Wing Tsun kann helfen, dieses Bild zu vervollständigen. Nur wenn wir uns selber gut kennen, sind wir in der Lage, unsere körperliche Kraft, unseren Willen und unseren Glauben miteinander zu vereinen und vielleicht braucht es diese Verbindung um zu siegen.

 

Die lebendige Umsetzung der Wing Tsun - Prinzipien ist gleichzeitig Weg und Ergebnis des Übens. Das bedeutet, dass wir Wing Tsun nicht als Mittel zum Zweck betrachten könnten, um ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erreichen, sondern, dass wir die Prinzipien in jedem Moment unseres Übens zu verwirklichen suchen, denn durch einseitige Konzentration auf die Absicht wird übermäßige Spannung das Lernen schwierig und mühselig werden lassen und man wendet sich so alsbald erfreulicherem zu.

 

„ Der Weg ist das Ziel!“  Auf dem „Trainingsweg“ kann ich jederzeit und immer nur „jetzt“ im Ergebnis sein, die Übungen sind also kein Mittel, um „besser“ zu werden als ich es jetzt gerade bin. Wozu also sollte man üben, wenn es nichts zu erreichen gibt?   Es ist eine große Herausforderung, mit allen Sinnen im „Jetzt“ zu verweilen!

 

Beispiel:

 


Beim Ausführen einer Partnerübung spüre ich, dass meine Bewegung hart, eckig und kaum geschmeidig ist, geschweige denn leicht. Ich beobachte mich selbst und bin unzufrieden. Vielleicht reiße ich an meinem Übungspartner herum oder er an mir, ich würde viel lieber mit jemand anderem üben.


An diesem Punkt könnte man schon resignieren und glauben, Wing Tsun sei nicht das Richtige für einen, dabei ist dieser Konflikt eine gute Voraussetzung, um mit der Übung zu beginnen.  Womit ich gerade Bekanntschaft gemacht habe, ist die andauernde Einmischung meiner kritischen inneren Stimme, in Wirklichkeit das einzige, was mich hindert, mit meinem Übungspartner gemeinsam zu lernen und mit allen Sinnen im Jetzt zu sein.